Prof. Dr. Hartwig Weidemann †

Am 16. Februar 2009 verstarb Prof. Dr. Hartwig Weidemann in Hamburg Groß Flottbek.

Hartwig Weidemann, als Direktor und Professor bis zum Ende des Jahres 1984 im Deutschen Hydrographischen Institut (DHI) in Hamburg tätig, war seit der Gründung der DGM deren aktives Mitglied. Über Jahre nahm er nicht nur als Kassenprüfer der Gesellschaft Einfluss auf die Vereinsentwicklung. Er war ein „gentle man“ im wahren Sinne des Wortes (Ilse Hamann, E-mail vom 23.02.2009).

Am 24. Juni 1921 war Hartwig Weidemann in Kiel als Sohn eines Lehrerehepaares geboren worden. Er machte auf der Hebbelschule in Kiel 1939 das letzte Friedensabitur (Weidemann 1999). Von Kindesbeinen an bestimmte die nahe Ostsee sein Leben, das dahinter liegende weitere Meer schloss sich bald an. Aufgrund der – vergleichsweise unwichtigen – Tatsache, dass er als Schüler der Marine-HJ in Kiel angehörte, erhielt er einen der 200 Plätze des Reichswetterdienstes für eine zeitverkürzte Ausbildung zum Diplom-Meteorologen. Die damals zwangsläufige Rekrutenausbildung brachte ihn ab 01.08.1939 zur Luftwaffe, den Kriegsbeginn erlebte er hautnah im Bordkommando auf der „Schlesien“ bei der Beschießung der polnischen Befestigungen auf der Halbinsel Hela. Von Mai 1940 bis April 1942 absolvierte er das Studium der Meteorologie in 6 Trimestern in Berlin, u. a. bei Prof. Hans Ertel. Den anschließenden Einsätzen des Jungmeteorologen Weidemann in Landwetterwarten folgten ab 1943 Kommandos als Marinemeteorologe auf See, u. a. auf U-Booten im Nordatlantik und Kreuzern vor Norwegen. Im Februar 1945 wurde er vom Marineobservatorium in Greifwald aus mit meteorologischer Ausrüstung nach Nordnorwegen kommandiert. Nördlich von Tromsö endete für ihn dann der Krieg. Auf dem Weg zurück durch Norwegen kam er mit seinen Bruder in Kontakt, der unter inzwischen alliiertem/norwegischem Kommando eine Minenräumflottille leitete. Als beratender Meteorologe nahm er rund ein Jahr an den Einsätzen der kleinen Fahrzeuge vor Mittelnorwegen teil, ehe er 1946 nach Kiel zurückkam.

Nach einer kurzen Tätigkeit als Hauslehrer nahe Oldesloe wollte Hartwig Weidemann noch einmal richtig studieren, insbesondere Physik (Weidemann 2004, Interview). Damit begann er in Kiel im Wintersemester 1946/47 bei Prof. Kroebel und als Gast am Institut für Meereskunde (IFM) bei Taivo Laevastu. Nicht zuletzt aus dem Grunde, endlich einmal wieder schwimmen zu können (Weidemann 1999) - das IFM hatte gerade die „Südfall“ als Forschungskutter erhalten - begann er das reguläre Studium der Meereskunde, das er 1948 mit einer Dissertation über die Ein- und Ausstromvorgänge der Ostsee durch den Fehmarn Belt bei Prof. Georg Wüst beendete. Anschließend übernahm Hartwig Weidemann die Assistentenstelle bei Wüst - die damals einzige am IFM in Kiel. Die Zuständigkeit für den Lehrbetrieb in mehreren Fächern ließ ihn zwar vieles lernen (Weidemann 2004), Zeit für eigene Arbeiten blieb ihm kaum und noch weniger für Seefahrten. Deshalb wechselte er zum Beginn des Jahres 1954 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Abteilung Meereskunde des Deutschen Hydrographischen Instituts (DHI) nach Hamburg. Hier konzentrierte er sich auf die Geräteentwicklung als Grundlage präziser meereskundlicher Messungen.

Die Verbesserung und Weiterentwicklung meereskundlicher Instrumente und Sensoren samt deren Erprobungen auf See sowie die Entwicklung zugehöriger Geräteträger bis hin zu Forschungsschiffen und Messbojen waren das Arbeitgebiet, dem er seine gesamte Dienstzeit im DHI hindurch treu blieb. Dass er zunehmend auch Leitungs- und Organisationsaufgaben innerhalb der Oberbehörde übernehmen musste, hat ihn - meiner Meinung nach - nicht immer erfreut. Dagegen fuhr er liebend gern zur See, um die Geräteentwicklungen meist auf „Gauss“ (I und II) zu testen oder auch nur bei Routinereisen saubere Messungen zu erzielen. Als ihm zugeordneter DWK-Assistent im DHI hat er mich insbesondere an Bord von „Walther Herwig“ (II), „Anton Dohrn“ (II) und „Meteor“ (II) Mitte der 1970er beeindruckt. Unabhängig von den Randbedingungen war er ein ausgeglichen freundlicher, zuvorkommend anleitender, saubere Arbeit verlangender und selbst nimmer müder Fahrtleiter, der auch fröhlich mitfeiern konnte. Und er hatte als Vorgesetzter immer ein Ohr für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sowohl an Land als auch an Bord.

Als Direktor und Professor, Sachgebiets-, Referats- und Stellvertretender Leiter der Abteilung Meereskunde im DHI trat er Ende 1984 in den Ruhestand. Seine aktive Teilnahme an der Meeresforschung endete damit aber keineswegs. 1985 leitete er eine Reise der „Polarstern“ ins europäische Polarmeer. Hier, am Eisrand konnte er direkt erleben, wie seine eigenen forschungsschiffs- und gerätetechnischen Vorstellungen auf dem Flaggschiff der deutschen Forschungsflotte zum Einsatz kamen, war es doch an der Konzeption des Schiffes nicht unerheblich beteiligt gewesen. Weitere Seeeinsätze folgten. Über Jahre nahm er noch regelmäßig an Kolloquien und Symposien teil.

Von den Ergebnissen seiner Arbeiten zu Messungen von Temperaturen, Salzgehalten, Strömungen und Vermischungsvorgängen in Nordsee, Ostsee und Nordatlantik sowie den zugehörigen Messgeräteverbesserungen und -entwicklungen seien nur das heute bestehende deutsche Messnetz in Nord- und Ostsee sowie der nachgeschleppte tiefensteuerbare Sensorträger „Delfin“ genannt. Das Messnetzkonzept sowie die Geräteträger und Sensoren waren kontinuierlich langjährige Diskussions- und Experimentierreihen seiner Mitarbeiter, in denen er die Fäden knüpfte, auch zur manchmal große Versprechung machenden Industrie (Weidemann 2004). Nachdem der „Delfin“ zu einem ersten brauchbaren System zum Aufdecken der komplexen Vermischungsvorgänge im Meer herangereift war, initiierte Hartwig Weidemann über das Hydrographic Commitee des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) das von vier Staaten ausgeführte Vermischungsprojekt RHENO 1965 in der Nordsee.

Selbstverständlich beteiligte sich Hartwig Weidemann an den Planungen, Koordinierungen und Durchführungen von weiteren nationalen und internationalen Großprojekten der physikalischen Meereskunde. Genannt sei zum einen nur das Fladengrund-Experiment in der Nordsee samt Voruntersuchungen (Pre-FLEX 1975 und FLEX 1976). Und zum anderen die beiden Polar Front Surveys im Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/58 sowie die OVERFLOW I und II Expeditionen 1960 bzw. 1973 im Nordatlantik. Außerdem beeinflussten seine Erfahrungen und zukunftweisenden Ideen nachhaltig die wachsende bundesdeutsche Forschungsschiffsflotte, sei bei „Meteor“ (II, III), „Gauss“ (IV) oder „Polarstern“, sowie die meisten der auf deutschen Werften im Rahmen von Entwicklungshilfen gebauten Fahrzeuge für Staaten in Südamerika und Asien.

Langjährig wirkte er u. a. als Ordentliches Mitglied in der Deutschen Wissenschaftlichen Kommission für Meeresforschung (DWK). Nach der Pensionierung blieb er Seniormitglied und nahm häufiger an deren Sitzungen teil. In der Senatskommission für Ozeanographie der Deutschen Forschungsgemeinschaft war seine Expertise seit 1960 ebenso gefragt wie in den ozeanographischen Arbeitsgruppen des ICES in Kopenhagen seit Mitte der 1959er.

 

Hartwig Weidemann war seit 1949 verheiratet mit einer promovierten Geisteswissenschaftlerin. Den drei in Hamburg geborenen Töchtern war er ein technisch versierter, liebevoller Vater, der neuen Haushalts-, Kommunikations- und Unterhaltungsgeräten offen gegenüberstand (Lembke 2009). Insbesondere in der Planungs- und Bauphase von Meteor (II) um und nach 1960 und auch während mancher längeren Seereise hätten seine Töchter sich ihren Vater wohl manches Mal mehr zuhause gewünscht als ihm der ernst genommene Dienst ermöglichte (Lembke 2009).

Die Jahre seines neunten Lebensjahrzehnts war Hartwig Weidemann zunehmend weniger im einstigen dienst- und fachlichen Umfeld präsent gewesen. Er widmete sich vor allem dem häuslichen Umfeld in Groß Flottbek, erledigte den täglichen Haushalt bis kurz vor seinem Tode, hielt die Haustechnik instand und half seiner Frau im Garten. Altersbedingt nahm seine Mobilität ab, seinen geliebten Audi hat er schon vor Jahren verkauft. Zu seinem eigenen Bedauern konnte nicht mehr an den Geophysikalischen oder Meteorologischen Kolloquien im Geomatikum bzw. im Seewetteramt teilnehmen. Auch bei den früher von ihm als Muss kontinuierlich besuchten Weihnachtsfeiern der Abt. Meereskunde des DHI/BSH sahen ihn die KollegInnen nicht mehr. Er hatte aber keineswegs das Interesse an seinen ehemaligen Wirkungsstätten verloren. Bei Besuchen befragte er mich schon sehr genau nach Personen und Vorgängen in der früheren Umgebung.

Seit dem 25.02.2009 ruht er nun auf dem Groß Flottbeker Friedhof am Stillen Weg, nach einer ihm würdigen Trauerfeier dorthin begleitet von seiner Familie, Freunden, Nachbarn und ehemaligen „Untergebenen“. Requiescat in pacem.

 

 

 

Quellen:

 

Jürgen Sündermann, Walter Lenz und Gerd Wegner (2005): Interview mit Prof. Dr. Hartwig Weidemann an 11.10.2004. In 25 Jahre DGM. 39-43.

 

Gerd Wegner (2000): Hartwig Weidemann zum 80. Geburtstag gewidmet. Widmungstext zum Artikel: Deutsche Forschungsschiffe und ihre Namen. Eine Liste deutscher Forschungsschiffe seit 1862 - Teil 1. Dt. Schiffahrtsarchiv, Bd. 23 2000, 217-250.

 

Hartwig Weidemann (1973-2008): Diverse privat(-dienstlich)e Gespräche (von Juni 1973 (OVERFLOW II auf FFS WALTHER HERWIG) bis zum letzten Besuch am 27. Dez. 2008).

 

Ingo Lembke (2009): Trauergottesdienst für Prof. Dr. Hartwig Weidemann in der Kirche zu Groß Flottbek. Ansprache am 25.02.2009.